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Gruppenverhalten und Mob-Phänomen

01.06.2007

Mich hats ja eigentlich die ganze Woche schon gejuckt, was zu der PI/Gay West Diskussion zu schreiben, aber mittlerweile ist da glaub ich alles gesagt, da wäre ernsthaft betrachtet für mich nicht mehr als ein <aol>Me too</aol> drin.

Mir ist aber in den diversen Kommentaren das „Mob-Phänomen“ wieder ziemlich heftig aufgefallen, und da wollte ich ja schon länger was drüber schreiben.

Die große Frage, die ich mir bei diesem Phänomen immer stelle ist, ab welchem Punkt das kritische Hinterfragen und eigenständige Nachdenken aufhört, und man nur noch stumpf einer Sache folgt. Wo die eigene Seite auch „Gras ist Blau“ schreiben könnte und man die Aussage trotzdem blindwütig verteidigen würde. Ich meine, selbst wenn jemand hundertmal was geschrieben hat, wo ich 100% zustimme, bedeutet das noch lange nicht, daß das immer der Fall sein wird. Egal wie gut ich mit jemanden befreundet bin, auch derjenige wird irgendwann mal Mist bauen, wofür er sich Kritik anhören muß.

Der Mob sieht das anders. Für den Mob wird nicht nur eine Aussage eines Einzelnen angegriffen, sondern jedes Mitglied dieser Gruppe fühlt sich persönlich beleidigt – und muß sich natürlich verteidigen.

Egal welche sachlichen Argumente man dann für die Diskussion noch bringt, es wird nur noch auf den allgemeinen Unterschieden herumgeritten, da werden dann auch gerne Uralt-Streitereien ausgegraben und nochmal neu entfacht. Das eigentliche Thema rückt in den Hintergrund und es wird auf persönlicher Ebene weitergemacht. Da ist man dann schnell bei dem Punkt, wo lieber um persönliche Abneigungen/Vorlieben, Wortwahl, Rechtschreibung, Namen und was-weiß-ich gestritten wird, als auf zum Thema gehörende Argumente einzugehen.

Klar, es ist ja auch einfacher, eine abstrakte Verschwörung zu vermuten, als sich den tatsächlichen Argumenten zu stellen. Es ist deutlich streßfreier, eine Aussage grundsätzlich zu diskreditieren, weil sie von „Gruppierung X“ kommt, anstelle sie sachlich widerlegen zu müssen.

Die sachliche und vor allem themenbezogene Diskussion ist ab „Auftritt Mob“ gelaufen.

Interessant ist dabei der ständige Wechsel zwischen dem Auftreten als Gruppenmitglied und Individuum, ganz wie es gerade am Besten in den Kram passt: Es wird ein Gruppenmitglied als Individum kritisiert. Die restlichen Gruppenmitglieder fassen das als Affront gegen ihre Gemeinschaft auf und fühlen sich deshalb auch wieder als Einzelperson angegriffen. Deshalb wird sich in den Streit eingemischt, dabei brav die Gruppenlinie verteidigt – wobei die eigene Individualtität ausdrücklich betont wird – und tadaa, wir haben einen wunderschönen Mob mit „Ja, wir sind alle Individuen“, die aber alle so synchron in die gleiche Kerbe hauen, daß man tatsächlich jedesmal die Namen lesen muß, um zu wissen, wer das jetzt geschrieben hat.

Wenn man dann wieder die Aussagen eines Gruppenmitglieds im Verlauf der Diskussion kritisiert, geht das Spiel von vorne los.

Ich kann ja noch ein Stück weit verstehen, wenn das angegriffene Gruppenmitglied von der auf sich selbst bezogenen Kritik ablenkt, die lieber auf die gesamte Gruppe ausweitet und damit ins Spiel holt. Dafür ist man ja Teil einer Gruppierung, damit man nicht alleine dasteht und Unterstützung bekommt. In dem Fall vielleicht etwas feige, aber gut. Ich verstehe allerdings nicht, warum man sich als Gruppenmitglied jeden Schuh, auch wenn er deutlich für jemand anderen angefertigt wurde, anziehen muß, und entsprechend verletzt reagiert. Wenn gesagt wird „Die Aussage von Person A ist doof“ wird da ganz melodramatisch und masochistisch von Person B ein „Person B ist doof“ draus gemacht.

Gruppenzusammenhalt und Freundschaft hin oder her, aber Individualität ist mir an der Stelle wichtiger. Ich sehe es nicht als „Verrat“, wenn mich Freunde kritisieren, oder wenn sie auch der Gegenseite rechtgeben, wenn sie gute Argumente bringt. Ganz im Gegenteil, ich erwarte eigentlich, daß mir gerade ein Freund sagt, wenn ich Mist baue. Und ich würde es fast als Beleidigung auffassen, wenn er mir nicht zutraut, daß ich die Diskussionen, die ich angefangen habe, auch selbstständig zu Ende führen kann.

Stumpfe, blinde, und damit falsch verstandene Loyalität kann ich nicht leiden.

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